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Orientierung im Neuland

Die Energiewende beschäftigt die Schweizer Gemeinden schon lange. Gleichzeitig stellt sie die Wärmetransformation vor Herausforderungen, weiss die Energieexpertin Sabine Perch-Nielsen.

 

Text: Claude Beauge; Foto: Christian Aeberhard

 

Frau Perch-Nielsen, wie weit sind die Schweizer Gemeinden bei der Wärmetransformation? Gibt es Unterschiede zwischen Stadt, Land und Agglomeration?

Das Bild ist heterogen. Viele Gemeinden betreiben seit zehn oder zwanzig Jahren eine fortschrittliche Energiepolitik und sind schon sehr weit, andere interessieren sich weniger. Wenn wir  aber anschauen, was notwendig wäre, um das Klimaziel des Bundesrats zu erreichen, gibt es in allen Gemeinden noch viel zu tun. Aber deshalb zu sagen, wir seien nirgends, wäre unfair gegenüber allen, die sich engagieren. Die Ausgangslagen sind sehr unterschiedlich: In der Stadt gibt es mehr dichte Quartiere, die sich für Wärmeverbünde eignen. Ausserhalb ist mehr Platz für Wärmepumpen, und in ländlichen Gemeinden steht häufig mehr Energieholz aus den Wäldern zur Verfügung. Tendenziell spielt in den Städten Klima- und Energiepolitik auch eine grössere Rolle, und es gibt entsprechende politische Mehrheiten. Ich würde aber nicht sagen, dass die Städte per se weiter sind als etwa Agglomerationsgemeinden.

 

Was können Gemeinden überhaupt bewirken?

Gemeinden haben verschiedene Hebel. Eine Gemeinde ist Planerin; sie kann in einem Energieplan  die Wärmeversorgung koordinieren. Oft ist sie selbst Energieversorgerin und kann sich mit entsprechenden Angeboten für mehr erneuerbare

Energie einsetzen. Sie kann helfen, Standorte für Wärmezentralen zu suchen. Sie kann erneuerbare Energien fördern und eine Energieberatung anbieten. Sie geht mit ihren eigenen Gebäuden als Vorbild voran. Viele Standards in der Schweiz haben sich auch deshalb etabliert, weil die öffentliche Hand sie als Bauherrin gefordert hat. Gemeinden stehen also viele Mittel zur Verfügung.

 

Gibt es denn Vorbilder, die andere Gemeinden kopieren könnten?

Das eine Vorbild, das für alle Gemeinden übertragbar ist, gibt es nicht. Basel ist sicher ein Spezialfall. Hier wird die Transformation in einer Ernsthaftigkeit und Geschwindigkeit vorangetrieben, wie es noch keine andere Stadt angepackt hat. Das lässt sich aber nicht einfach kopieren, da andere Städte nicht den Hebel eines kantonalen Energiegesetzes haben. Viele Gemeinden verfügen auch nicht über ähnlich viele dichte Gebiete oder Abwärme aus einer Kehrichtverbrennung. Doch auch kleinere Gemeinden können als Vorbild dienen, da einzelne Menschen mit grossem Engagement dort viel bewegen können. 

 

In der öffentlichen Diskussion geht es oft um Energierichtpläne. Wie sehr hängt die Wärmetransformation von ihnen ab?

Sie sind ein wichtiges Instrument, damit die Energiequellen, die nur vor Ort genutzt werden können, prioritär zum Einsatz kommen, wie zum Beispiel Abwärme oder Seewasser. Denn es wäre eine unnötige Verschwendung, an solchen Orten flexibel einsetzbare Energiequellen wie Holz einzusetzen. So trägt ein Energierichtplan zu einem räumlich gut abgestimmten Ausbau der erneuerbaren Energien bei. Ich will aber auch betonen, dass es zahlreiche Massnahmen gibt, die man ohne Richtplan umsetzen kann. Gebäudeeffizienz oder Biogasanteile kann man immer erhöhen, da muss man nicht auf einen fertigen Richtplan warten.

 

Viele Gemeinden haben in Erdgas investiert. Wie packen sie die Wärmetransformation? Mit synthetischem oder Biogas?

In einem gross angelegten Dialogprojekt für den Metropolitanraum Zürich haben wir genau diese Fragen untersucht. Wir haben mit Städten, Gemeinden, Gasversorgern, Kantonen, dem Bund, dem Gasverband, dem WWF und auch der ETH versucht, einen Konsens zu finden. Dabei ist klar geworden: Biogas und auch synthetische erneuerbare Gase sind als speicherbarer Brennstoff wichtig für die Erreichung der Klimaziele. Es gibt sie leider nur in beschränkter Menge. Ein Konsens des Dialogs war, dass in der Schweiz das Potenzial bei maximal 30 Prozent des aktuellen Verbrauchs liegt. Sie sind zudem immer teurer als Erdgas. Ein weiterer bestand darin, dass die Gasversorgung langfristig teurer wird und die Nachfrage zurückgehen wird.

«Das heutige Gasverteilnetz ist mit einem ambitionierten Klimaziel nicht kompatibel.»

Sabine Perch-Nielsen, Energieexpertin EBP

Also werden Gemeinden ihr Gasnetz stilllegen?

Um die Klimaziele zu erreichen, muss erneuerbares Gas dort eingesetzt werden, wo es keine Alternativen gibt. Etwa für Prozesswärme oder den Güterverkehr. Aber eben nicht für Raumwärme im Wohnquartier. Dadurch ist das Verteilnetz in vielen Gemeinden infrage gestellt, denn in seiner heutigen Ausdehnung ist es mit dem Klimaziel nicht kompatibel. Welches Basisnetz benötigen wir in Zukunft noch für erneuerbares Gas? Diese Frage ist auch für uns methodisches Neuland. Wir dürfen derzeit viele Versorger und Gemeinden zur Zukunft der Gasnetze begleiten und sind daran, mit ihnen Antworten auf diese Frage zu finden. 

 


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Zur Person

Dr. Sabine Perch-Nielsen ist Teamleiterin Energieeffizienz und erneuerbare Energien des internationalen Ingenieurunternehmens EBP. Die Umweltnaturwissenschafterin ETH berät mit ihrem Team Gemeinden, Versorger, Kantone und Verbände in Energie- und Klimafragen und ist Verwaltungsrätin von ewl.