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Wie gelingt der Solarausbau, Frau Suter?

Interview mit der Energiepolitikerin und Solarexpertin Gabriela Suter.

 

Text: Paul Drzimalla 

Frau Suter, unser Gespräch dreht sich um den Solarausbau im Zuge der Energiewende. Befinden wir uns eigentlich an deren Anfang oder mittendrin?

Beim Photovoltaikzubau sind wir in der Schweiz noch am Anfang. In den letzten Jahren stand die Schweiz da auf der Bremse, die Fördergelder waren gedeckelt und es gab lange Wartelisten. Entsprechend ging es kaum vorwärts, und es war schlicht nicht attraktiv, eine Solaranlage zu bauen, wenn man den Strom einspeisen wollte. Photovoltaik ohne Eigenverbrauch – dafür waren die Rahmenbedingungen schlecht. Das muss sich schnell ändern, denn gemäss Energieperspektiven des Bundes wird Photovoltaik neben der Wasserkraft das zweite Standbein der Energieversorgung. Wir müssen nun schnell massiv zubauen.

 

Sie sprechen die Energieperspektiven 2050+ des Bundes an. Diese gehen von 34 Terawattstunden jährlicher Solarstromproduktion im Jahr 2050 aus. 2020 waren es erst 2.5 Terawattstunden. Schaffen wir das?

Wir schaffen sogar mehr als das. Unsere Branche hat klar kommuniziert, wie wir die Ausbauschritte sehen. In der Perspektive bis 2035 rechnen wir mit mindestens 25 Terawattstunden und bis 2050 mit 45. Immer mehr Leute investieren in Photovoltaikanlagen – nicht zuletzt aufgrund der Angst vor einer Strommangellage. Unsere Branche boomt, und darauf bin ich auch stolz. Momentan müssen wir vor allem Leute ausbilden, all die Anlagen müssen ja auch fachkundig gebaut werden.

 

Wenn wir die Entwicklung bis heute anschauen, hat der Solarzubau bis 2010 stagniert, danach ging es stark nach oben. Was hat diesen Zuwachs begünstigt?

Das hat sicher mit den Preisen für Solarpanels zu tun, die in den letzten Jahren stark gefallen sind. Aber eben auch mit dem wachsenden Bewusstsein, dass wir wegkommen müssen von fossilen Energien. Die Leute haben verstanden, dass wir Energie anders gewinnen müssen. Und gemerkt, wie attraktiv es ist, den Strom selbst zu produzieren. Dieses Bewusstsein hat sich mit dem Krieg in der Ukraine noch verschärft, war aber schon vorher da.

 

Betrachten wir die Zukunft: Wie könnte der Zubau auf Dächern und an Fassaden beschleunigt werden? Wie können wir die Flächen, von denen es ja genügend gibt, besser erschliessen?

Im Parlament arbeiten wir daran, die Rahmenbedingungen zu verbessern. Es müssen Anreize geschaffen werden, damit Dachflächen komplett bedeckt werden und nicht nur die wenigen Panels angebracht werden, die für den Eigenverbrauch nötig sind. Es braucht angemessene Fördergelder und eine schweizweit einheitliche Regelung der Abnahmevergütung. Auch Vorschriften werden diskutiert: etwa eine Solarpflicht für Neubauten und bei grösseren Dachsanierungen. Weiter gibt es raumplanerische Bedingungen, die man verbessern kann, um auch in der Landwirtschaftszone Solaranlagen zu installieren. Das hat sehr grosses Potenzial; eine Studie der ZHAW rechnet in der Schweiz mit einer jährlichen Leistung von über zehn Terawattstunden. Ein ganz anderes Feld sind Parkplätze und andere versiegelte Flächen, von denen es in der Schweiz viele gibt. Oder Lärmschutzwände an Strassen: Da haben wir gerade erreicht, dass diese vermehrt genutzt werden können. In Zukunft sollen die Lärmschutzwände an Autobahnen gratis zur Verfügung stehen.

 

Sie reden von der sogenannten «Agri-PV». Sind Sie zuversichtlich, dass das in der Schweiz Zukunft hat?

Ja, denn es bietet viele Vorteile. Man kann mit Photovoltaikpanels Kulturen überdecken und sie so als Hagelschutz und zur Beschattung verwenden. Es gibt Studien, die sagen, dass mit Agri-PV die Biodiversität sogar gefördert werden kann. Bauern können mit der Doppelnutzung ein Zusatzeinkommen generieren. Sicher gibt es auch Bedenken vonseiten Landschaftsschutz. Aber was wäre die Alternative: Die heutigen Plastikabdeckungen? Ob das besser ist, wage ich zu bezweifeln.

 

Eine aktuelle Studie des Verbands der Schweizerischen Energieversorger VSE attestiert Photovoltaik mit die höchste Akzeptanz als Energieträger. Warum bauen dann nicht mehr Menschen Anlagen?

Das ist ein wichtiger Punkt. Wir haben allein auf den bestehenden Dächern und Fassaden Potenzial von etwa 67 Terawattstunden. Energieversorger wollen möglichst viele Eigentümerinnen und Eigentümer motivieren, Anlagen zu erstellen. Und da helfen gute Rahmenbedingungen. Dazu gehört auch, den Menschen zu zeigen, dass das auf eine ästhetisch ansprechende Art geht. Ein Vorbehalt gegenüber Photovoltaik ist noch immer das Aussehen. Und darüber sollten wir reden: Unsere Häuser werden in 30 Jahren anders aussehen, aber sie werden ihren Strom selber produzieren. Ein weiterer Punkt ist die bereits angesprochene Abnahmevergütung. Hier würde eine Vereinheitlichung sicher helfen. Es ist unverständlich, dass ich in Basel fast doppelt so viel für den eingespeisten Strom bekomme wie in Aarau, wo ich wohne.

 

Wie sieht es mit der Technik aus? Die Paneltechnik hat Fortschritte gemacht, gerade bei Fassaden. Ist dieser Fortschritt wichtig, oder haben wir alles, was wir für den Solarausbau brauchen?

Zunächst: Die Schweiz war lange führend in Forschung und Innovation rund um Photovoltaik. Das ist heute nicht mehr in allen Bereichen so, und deshalb haben wir den Bundesrat per Postulat aufgefordert, zu helfen, die europäische Solarindustrie wieder aufzubauen. Aber um auf die Frage zu antworten: Mehr Technik bringt immer etwas. Der Wirkungsgrad der Panels lässt sich weiter verbessern. Aktuell sind wir bei durchschnittlich 20 Prozent. Das BFE rechnet in den Energieperspektiven übrigens immer noch mit 17 Prozent. Heute forscht man aber an Panels, die bis zu 50 Prozent erreichen. Dann gibt es immer mehr Bestrebungen, die gesamte Gebäudehülle für die Stromproduktion zu nutzen. Weiter gibt es die alpinen Solaranlagen, die im Winter sogar mehr Strom produzieren als im Sommer. Forschungs- und Innovationspotenzial besteht auch bei der Speicherung. Wie lösen wir diese kurzfristig? Die Kombination mit Wasserkraft ist da sicher ideal. Aber es gibt auch andere Optionen, zum Beispiel die Elektromobilität mit dem bidirektionalen Laden. Was ist mit langfristigen, saisonalen Speichern? Da kommen wir zur Wasserstoffproduktion. Laut Energieperspektiven 2050+ soll Wasserstoff an Laufkraftwerken produziert werden, um den Überschussstrom abzuleiten. Das ginge aber auch mit Solarstrom, vor allem wenn wir so viel zubauen, dass wir im Winter genug haben. Dann hätten wir im Sommer Überschuss, den wir in Form von Wasserstoff speichern könnten.

 

Sie haben grosse Solaranlagen in den Alpen angesprochen – wie AlpinSolar. Heute ein Einzelfall. Sie sagen, das soll nicht so bleiben. Wie «verkauft» man solche Projekte der Öffentlichkeit?

Die Akzeptanz von alpinen Solaranlagen ist gross. Das zeigen auch aktuelle Beispiele im Wallis, und das zeigt auch die aktuelle VSE-Studie, über die wir gesprochen haben. Wichtig ist, dass wir nicht unkoordiniert alle möglichen Flächen in den Alpen zubauen, sondern mit Konzept herangehen. Und dass man von Anfang an auch Auflagen hinsichtlich Rückbau macht. Denn das ist der Vorteil der Photovoltaik: Sie ist reversibel. Nach 30 Jahren, wenn die Lebensdauer der Panels erreicht wird, kann man sie rückbauen. Das ist ein massiver Unterschied zur Wasserkraft; eine Staumauer lässt sich nicht einfach entfernen. Ausserdem sollte man auch bei alpinen Solaranlagen Auflagen machen hinsichtlich Biodiversität, und wo immer möglich bestehende Infrastrukturen nutzen. Natürlich braucht man den richtigen Ort, der den ganzen Tag besonnt ist, damit alpine Anlagen den wichtigen Winterstrom produzieren.

 

Bisher haben wir vor allem über regulatorische Hürden geredet. Momentan macht aber auch der Fachkräftemangel von sich reden. Ist er ein grosser Hemmschuh?

Die Solarbranche wächst stark, unsere Mitglieder haben volle Auftragsbücher und suchen qualifiziertes Personal. Deshalb sind wir daran, eine eigene Berufslehre EFZ Solarinstallateurin/Solarinstallateur zu entwickeln, die 2024 starten soll. Wir bauen mit dem Bildungszentrum Polybau zwei Ausbildungsstätten auf, eine in der Deutschschweiz und eine in der Westschweiz. Zusätzlich bietet die Branche Umschulungsprogramme und Weiterbildungen an. Ich bin zuversichtlich, dass wir den Arbeitskräftemangel bewältigen, denn der Wunsch, bei der Energiewende aktiv mitzuhelfen, ist gerade bei jungen Menschen gross. Wir rechnen mit einer Verdreifachung des Marktvolumens. In der Solarbranche entstehen deshalb in den nächsten Jahren über 20 000 attraktive, zukunftsfähige Vollzeitstellen.

 

Eine Form des Solarausbaus, über die wir noch nicht gesprochen haben, sind Bürgerbeteiligungen – Solarausbau via Crowdfunding. Wie sehen Sie solche Modelle?

Ich begrüsse diese sehr. Mieterinnen und Mieter sollen auch einen Beitrag an die Energiewende leisten können. Oder Menschen, deren Dach verschattet oder verwinkelt ist. Das ist eine Form der Demokratisierung der Stromproduktion. Eine andere sind die Zusammenschlüsse zum Eigenverbrauch. Unser Energiesystem wird in Zukunft dezentral funktionieren: Viele Haushalte werden Strom produzieren und ihn im Quartier untereinander teilen. Solche lokalen Energiegemeinschaften würden auch das Stromnetz entlasten. Die Netzproblematik ist nicht zu unterschätzen, wenn wir den Solarausbau forcieren. Wenn der Austausch in der untersten Netzebene funktioniert, ist weniger Netzausbau nötig. Gerade, wenn man mittelfristig auch die Elektromobilität als Speicher nutzt.

 

Ist der Netzausbau denn ein aktuelles Problem, oder kann man es in Zukunft lösen, wenn es sich stellt?

Nein, den muss man schon antizipieren, sonst ist es zu spät. Und es ist wichtig, dass sich die Energieversorger damit befassen. Das Energiesystem wird sich ändern, und deshalb muss man sich auch vom alten System trennen können. Diesen Reflex haben gerade viele, wenn von der Strommangellage geredet wird. Da heisst es, wir wollen das bewährte System behalten, weil es stabil sei. Aber auch dieses System muss ständig austariert werden, wir spüren es nur nicht. Wenn ein AKW in Frankreich ausfällt, muss Swissgrid das schon heute auffangen. In Zukunft wird diese Stabilisierung sicher mehr Arbeit geben. Aber abgesehen davon ist es auch nicht vorgegeben, dass wir, um ein Beispiel zu nennen, 2050 jährlich 22 Terawattstunden Strom für die Elektromobilität brauchen. Immerhin ein Drittel unseres heutigen Stromverbrauchs! Da braucht es ebenfalls ein Umdenken, denn es gibt energieeffizientere Fortbewegungsmittel als das Auto. Zudem sehe ich die Energieversorger auch in der Pflicht, Menschen zu sensibilisieren, mit Strom haushälterischer umzugehen.

 

Im Zuge des russischen Angriffs auf die Ukraine wird das europäische Energiesystem gerade durchgeschüttelt. Fehlen die Ressourcen, die in die Schadensbegrenzung fliessen, am Ende für den Solarausbau?

Klar ist: Die Energiewende ist nötiger denn je. So können wir schnell unabhängiger vom Ausland werden. Damit sie gelingt, braucht es alle verfügbaren Ressourcen. Die Photovoltaik hat das grösste Zubaupotenzial. Die zwei Säulen des neuen Energiesystems bilden die Wasser- und die Solarkraft. Die beiden ergänzen sich bestens: Überschüssiger Photovoltaikstrom lässt sich in Stauseen speichern und bei Bedarf turbinieren. Wichtig wäre auch, dass die Produktion der Panels nach Europa zurückgeholt wird, Bestrebungen dazu sind im Gange.

 

Zum Schluss noch eine Frage an die Politikexpertin: Bei all den Diskussionen rund um Energiepolitik, welche sollte man bezogen auf den Solarausbau verfolgen?

Wir sollten jede Fläche nutzen, die geeignet ist. Kein Neubau soll erstellt werden, ohne Solarenergie zu produzieren. Auch bei Sanierungen soll immer Photovoltaik integriert werden. In den Gemeinden und Kantonen gibt es so viele versiegelte Flächen, die man für die Solarstromproduktion nutzen könnte. Es sollte zum Standard werden, dass man dieses Potenzial auch nutzt.

Über die Person

Seit 2021 ist die Aargauerin Vizepräsidentin des Branchenverbands Swissolar. Mit Energiepolitik befasst sie sich schon länger; seit 2019 ist die SP-Nationalrätin Mitglied der Kommission für Umwelt, Energie und Raumplanung UREK. Daneben ist Suter Präsidentin der Lärmliga Schweiz.

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Sonnenbox Team,

sonnenbox@iwb.ch
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